Sozialisierte Kunst bezeichnet einen Werdegang, an dessen Ende ein vollgültiges Kunstwerk steht.

Diese Einordnung eines Werkes ist ein gesellschaftlicher Vorgang. Am Anfang finden wir eine Auseinandersetzung in einer Person oder Gruppe zwischen subjektivem Empfinden, innerer Wahrheit und allgemeingültiger Übereinkunft und Normierung oder die spielerische Auseinandersetzung mit formalen Methoden, die aber auch komplexe Denkweisen vertreten.

In der bildenden Kunst sind neben dem solitären Künstler, der seine Entäußerung alleine im Dialog zwischen sich und dem Werk, eventuell noch dem Modell oder der Landschaft, auskämpft, die arbeitsteiligen Vorgehensweisen ein normaler Standard. Darüber hinaus zielt Aktionskunst erweiternd direkt auf die Einbeziehung von Personen aus dem Bereich Besucher, Rezipient. Die Autorenschaft liegt bei dem Ideengeber, Handschrift und Ausführungszuordnung werden teilweise nachrangig.

Ja auch – Jeff Koons malte einst selbst, diese Werke zeigte er im Raumausstattungsladen seines Vaters. Gegenwärtig lässt er malen. Skizzen werden im Rechner digital ausgearbeitet und malerisch von Angestellten umgesetzt. Auch Rubens ließ Blumen, Tiere, Landschaft von seinen Mitarbeitern malen. Die Tiere von Frans Snyders oder Blumen und Früchte von Jan Brueghel der Ältere. In seinem Atelier arbeiteten auch sein prominentester Schüler Anthonius van Dyck und andere. Sie legten mit Hand an und malten für das Gesamtgemälde Rubens. Komposition, Inkarnat und Endfassung waren Domänen des Meisters. Diese Beispiele von Arbeitsteilung und Einbeziehung lassen sich zahlreich fortführen.

Nach dem Ausformulieren einer Arbeit ist diese in Selbstbehauptung Kunst. Vielfältige Abläufe können diese Behauptung zu einer anerkannten Realität werden lassen.

M. Fischer,der bei seinen Kunstprojekten zeitweise auch Laien in der Ausführungsphase beteiligt hat, sagte der LVZ –„Wenn’s signiert ist und verkauft wird, muss es Kunst gewesen sein“ [1] So können wir uns daran festhalten im unsicheren Terrain – Kunst ist es, wenn es signiert und verkauft ist – Autorisierung und Kapitalisierung als reinste Spiegelung des Individualismus und der Geld-Geltung. Der Künstler als bestätigte Institution, Akademien, Juroren, Preisvergabegremien, Museen, Publizisten, Galeristen sind alles Durchlaufstationen zum Begriff Kunst. Das Publikum in großen Teilen, selbst der Käufer, ist nachrangig zu diesen Institutionen und Personenkreisen.

Im Sozialisierungsprozess der Artefakte sehen wir nun aber auch eine Abweichung von dem von uns erwarteten gesellschaftlich breiteren Prozess. Kann Kunst asozial sein?
Dies in der Art „dass gesellschaftliche Gruppen abweichendes Verhalten dadurch schaffen, dass sie Regeln aufstellen, deren Verletzung abweichendes Verhalten konstituiert“.[2]

Zurück zum Werdegang der Arbeiten. Dort wollen wir ansetzen und eine Einbeziehung in gesellschaftliche Abläufe und Strukturen beeinflussen. Dies ist Sozialisierung vor der
Autorisierung durch Gruppe oder Künstler. Verschiedene Methoden sind uns bekannt und weitere wollen wir mit ihrer Hilfe aufspüren. Deren Anwendbarkeit auf zukünftige Vorhaben wollen wir mit Ihnen diskutieren. Abstufungen in Intensität und Wichtung sind möglich. Sozialisierte Kunst muss aber die nachfolgenden Kriterien in einem oder mehreren Teilen beinhalten.

  • Einbeziehung von engagierten Laien, Bürgerschaft in die Ausformulierung einer Idee
  • Übernahme einer Idee aus der Bürgerschaft durch einen Künstler/in
  • Beteiligung von Bürgerschaft in die Umsetzung der Arbeit, arbeitsteilige Übernahme von Ausführungsstufen, Detailanfertigungen, Bearbeitung
  • Begleitender Dialog mit der Bürgerschaft während der Modellphase, während der Werkentstehung und danach mit dem Künstler
  • Direkte Einbeziehung von Bürgerschaft in das Kunstwerk als handelnde Personen, Durchführung von Ritualen im Kontext des Kunstwerkes und anderes
  • Die Autorisierung des Werkes durch eine Künstlerpersönlichkeit oder Gruppe

Die Autorisierung und damit die Freigabe der Veröffentlichung muss durch eine Künstlerpersönlichkeit gegeben werden, es kann aber auch eine Künstlergruppe sein, es kann eine um die Bürgerschaft erweiterte Künstlerguppe sein. Die künstlerische Verantwortung und die subtile Verantwortung im Werkprozess bleibt letztendlich autoritär bei der Künstlerin bei dem Künstler. Kreativ sind viele, künstlerische Potenz haben nur einige. Das Problem der Handschrift bleibt in vielen Ansätzen zur sozialisierten Kunst bestehen. Es ist vergleichbar der Regieleistung. Der Regisseur wird erkennbar im Aufbau des Theaterstücks, der Schauspieler ist wunderbar in seiner ihm zugewiesenen Rolle.

Wenn sie jetzt die Frage beschäftigt, woran erkenne ich denn nun, dass es Kunst ist, sei Ihnen mit dem Picasso zugeschriebenen Auspruch gedient – Selbst wenn ich es wüsste – würde ich es nicht sagen.

[1] http://www.lvz.de/Kultur/News/Michael-Fischer-Art-laesst-sich-von-Leipziger-Slam-Poeten-grillen 09.07.2017 16:43
[2] Howard S. Becker: Außenseiter. Zur Soziologie abweichenden Verhaltens, Frankfurt am Main 1973, S.8. / https://de.wikipedia.org/wiki/Devianz#cite_note-Becker-3 , 09.07.2017 16:40

Beispiele für sozialisierte Kunst

"Belesen und Ausnähen"

beispiel-sozkw

Teppichmosaiken nach alten Entwürfen der Teppichmanufaktur Wurzen. Mit der Beteiligung von 25 Bewohnern von Wurzen wurden alte Entwürfe ausgesucht und dann ein Produktionszwischenprodukt, die so genannte „Patrone“, als Vorlage für die Herstellung von keramischen Mosaiken verwendet. 6 Standorte in Wurzen wurden gesucht und durch Mosaiken verändert. Eine Holzplastik adaptiert ein Weberschiffchen und lädt zum Sitzen ein.

"Smileys sollen von Ortrander Schule lächeln"

beispiel-sozko

Keramisches Wandbild an der Aussenfassade der Karl Lingenthal Oberschule Ortrand. Rita Richter organisierte einen Ideenworkshop vor Ort, an dem sich viele Schüler aus allen Klassenstufen beteiligten.

"Hingucken statt Weggucken"

beispiel-sozkg

Das Wandrelief an der Schwimmhalle Grimma entstand als Projekt des Vereins BiO Bildung im Obstland in Zusammenarbeit mit Künstlern aus der Region. Beteiligt waren 70 Personen. Das 40 Quadratmeter große Wandbild wurde gefördert durch das Bundesprogramm „XENOS – Arbeiten und Leben in Vielfalt“. Im Ergebnis von Gesprächsrunden, Workshops, Projekt- und offenen Werkstatttagen ist mit Hilfe vieler Beteiligter ein Kunstwerk entstanden, das auf einzigartige Art und Weise eine der wichtigsten Fragen unserer Gesellschaft behandelt: Wie begegnen wir anderen Kulturen? Was setzen wir Fremdenfeindlichkeit und rechtsextremen Tendenzen entgegen?